Auszug 1

„Ich war auch einmal Musikerin. Violinistin. Die Musik war meine allergrößte Leidenschaft. Ich kannte Werke in- und auswendig, Komponisten, jedes noch so kleine Detail. Man hätte mich alles fragen können, ich hätte auf wirklich jede Frage Antwort geben können. Musik war alles was ich wollte und alles was ich immer machen wollte, denn sie war mir das Wichtigste und Liebste auf der ganzen, weiten Welt.

Und dann traf ich ihn. Ich lernte ihn kennen – und lieben. Und mit jedem Tag, der verging, rückte die Musik mehr und mehr in den Hintergrund und er trat näher an mich heran. An mein Herz. Bis er schließlich vor mir stand. Bis wir eins wurden. Und da bekam ich Angst.
Musik war doch meine Leidenschaft! Ich hatte doch so große Pläne, Träume, hatte Ziele. Oder etwa nicht? Nicht mehr? Verfolgte ich diese überhaupt noch? Hatten sie sich bloß verändert? Liebte ich es noch zu spielen, so sehr wie früher? Oder nahm nun er diesen Platz ein? Brachte er mich von der Musik ab?

Du fragst dich sicher, warum ich dir das nun alles erzähle. Aber wenn ich dich so ansehe, wie du hier auf dieser Parkbank sitzt, den Geigenkoffer auf dem Schoß, deinen Blick auf diesen außergewöhnlich schönen Ring an deinem Finger geheftet, so erkenne ich mich in dir wieder. Und ich kann klar sehen, dich beschäftigt eine ähnliche Frage, wie mich damals. ‚Wie soll, nein, wie kann ich nur wählen?‘ – Aber lass dir von einer alten Frau einen Rat geben, mein Kind: Wähle nicht. Denn indem du nicht wählst, wählst du sie beide.

Schnell wurde mir damals bewusst, sie beide waren ein Teil von mir: die Musik und mein Liebster. Denn ohne ihn war ich nicht mehr dieselbe. Wenn er mir zusah, spielte ich mit einer Leichtigkeit, die jeden verblüffte. Wenn er mir lauschte, waren die Töne lieblicher als sie jemals waren. Und war er im Raum, nur so war ich im Stande diesen mit Leben zu füllen.
Denn es ist die Liebe, die Musik erst zu Musik macht. Kompositionen zu Meisterwerken. Einzelne Töne zu Melodien verschmelzen lässt. Die dein Herz und deine Seele gefangen nehmen können.

Verstehst du das? Ja? Gut, gut.

Und so vergingen wundervolle Jahre, dreißig an der Zahl. Und letztes Jahr ist er gestorben, die Liebe meines Lebens. Mein geliebter Ehemann.

Aber unsere Erinnerungen, sie leben noch. Existieren tief in mir, genau wie die Musik – und ohne sie beide wäre ich der ärmste Mensch der Welt. Ich habe schon seit einiger Zeit nicht mehr auf meiner geliebten Violine gespielt, aber nicht, weil ich nicht will. Ich bin schon alt, meine Finger machen es mir etwas schwer mittlerweile und auch mein Gehör ist nicht mehr das, was es einmal war. Doch das Lied meines Herzen, spiele ich noch immer jeden Tag aufs Neue, denn nur so halte ich diese wertvollen Erinnerung aufrecht, am Leben.

Und noch etwas: Musik ist immer da, sie umgibt uns, ist allgegenwärtig – egal ob aus der Vergangenheit, aus dem Heute oder auch in Zukunft. Denn solange es Menschen gibt, solange die Natur existiert, so existiert auch die Musik und sie geht uns auch niemals verloren.

Die Zeit der Liebe aber ist begrenzt. Und wie du siehst, es geht nicht um eine Wahl. Sondern es geht um Akzeptanz, um Mut und Leichtigkeit
Das ist Liebe.“

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