Silberstreifen am Horizont

„Die Illusion von Hoffnung“

Ich stehe hier und warte.
 Gefühlte drei Stunden schon und doch sind erst wenige Minuten vergangen. Und ich zweifle daran, dass du jeden Moment um diese Ecke biegen wirst.

Ich stehe nun also vor dem Café und warte. Es ist kalt. Wind zerzaust mein Haar. Doch ich warte. 
Sehe Leute in das Café gehen, sehe Leute aus dem Café kommen. Und ich stehe hier und zweifle daran, dass du in den nächsten zehn Minuten um die Ecke biegen und auf mich zukommen wirst.

Unsere Zeit war schön. Ich habe dir schon immer jedes Zuspätkommen verziehen.
 Ich denke an unsere schöne Zeit und merke wie es mich traurig stimmt. Ich bin verletzt.
 Aber warum? Ach ja… Deinetwegen. Und wegen ihr.
 Ihr Blick, dein Blick… Und ich stand einfach nur im Weg.
 Oder stehe ich noch im Weg? Ich habe ja keine Ahnung, denn du sprichst nicht mehr mit mir. Du bist nicht einmal jetzt da, obwohl diese Aussprache dein Vorschlag gewesen ist.
 Ich bemerke, dass ich den Gehweg anstarre und wie der alte Mann auf der anderen Straßenseite, der die „Kupfermucken“ verkauft, mich mitleidig beobachtet. Leute gehen in das Café, Leute kommen heraus. Und ich stehe einfach nur davor… Und werde angerempelt – ich stehe also schon wieder nur im Weg. Und ich warte auf dich und zweifle daran, dass du heute hier noch auftauchen wirst.

Mittlerweile lehne ich an der Hausmauer und starre auch nicht mehr auf den Gehweg, sondern auf meine Uhr: ticktack, ticktack… Die Zeiger meiner schwarzen Armbanduhr drehen langsam ihre Runden. So spät warst selbst du noch nie dran. Sekunden vergehen, Minuten vergehen, die Tür geht auf, die Tür geht zu. Neue Menschen gehen in das Café und welche, die vorhin hineingegangen sind, kommen wieder heraus. Sie sehen mich warten. Ich kann ihre Blicke spüren. Es ist mir egal.

Die kurzen, leise tickenden Geräusche meiner Armbanduhr erscheinen mir plötzlich unfassbar laut. Ebenso erscheint mir auf einmal die Kälte sehr erdrückend zu sein. Ich kann meine Finger fast nicht mehr spüren . Also lasse ich meine Hand wieder sinken und schiebe beide in die warmen Taschen meines Mantels, die dann doch nicht so warm sind, wie ich es mir erhofft hatte.
 Kalter Wind peitscht mir ins Gesicht, Schneeflocken berieseln mein Haar und meinen Mantel. Es ist kälter geworden… Und ich warte und riskiere eine Erkältung für dich. Ich warte und zweifle daran, dass du mir heute noch eine Erklärung geben wirst.

Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Das sagt man doch so, oder? 
Also hoffe ich darauf, dass du doch noch jeden Moment um diese verdammte Ecke biegen wirst. Darauf, dass du nicht gerade bei ihr liegst und keinen Gedanken an mich verschwendest. Darauf, dass ich eine Erklärung bekomme, denn unsere Zeit war doch schön! Was wir hatten war wundervoll, also verdiene ich doch zumindest eine simple Erklärung. Nach allem was wir durchgemacht hatten, nach all dieser Zeit. 
Doch während ich weiter warte, breitet sich tief in mir der Zweifel aus, dass ich wohl jemals eine Erklärung von dir bekommen werde.

Aber ich trotze meinen Zweifeln und warte einfach weiter. Versuche, bewusst solche negativen Gedanken auszublenden…

Hast du es denn je ernst mit mir gemeint? Neue Zweifel machen sich breit und nisten sich in meinen Gedanken ein. Zerstören den letzten Rest an Hoffnung, der noch bis vor fünf Sekunden in mir war.

Haben dir die letzten drei Jahre denn gar nichts bedeutet? Und ich zweifle erneut! Zweifle daran, dass jedes deiner „Ich liebe dich“ auch wirklich für mich bestimmt war. Und daran, dass du je vorgehabt hast heute hier aufzutauchen.
Es sind fast keine Leute mehr in dem Café. Ich werfe einen kurzen Blick auf das kleine Schild neben dem Eingang. Es hat also noch eine halbe Stunde lang geöffnet.
 Und ich warte…

Vielleicht war ich einfach zu naiv. Vielleicht habe ich dir vor lauter Liebe blind vertraut.
Vielleicht war genau das der Fehler.
 Dir jede Lüge zu glauben, denn du würdest mich ja niemals anlügen. Immer hinter dir zu stehen, denn du würdest mich ja niemals hintergehen. Dich immer zu verteidigen. Dich zu lieben. 
Vielleicht war das der Fehler, mein Fehler.
 Du hast mir mein Herz gestohlen, es zerbrochen. Hast es in den Dreck geworfen und darauf herumgetrampelt. Und dann hast du es einfach liegen lassen. Allein. Kaputt.
 Hast dich einfach abgewandt und bist gegangen, zu ihr gegangen… Und ich habe es einfach zugelassen. 
Vielleicht war genau das der Fehler.

Aber ich will es wiederhaben, mein Herz! Ich will es retten. Will kitten was zu kitten ist, doch dazu brauche ich eine Erklärung. Mehr will ich doch gar nicht! Nur eine Erklärung, die das in mir schreiende „Warum“ zum Schweigen bringt. Mir etwas Ruhe bringt…

Doch ich kenne dich. Besser, als jeder andere Mensch auf dieser Welt, weiß ich wer du bist. Zumindest dachte ich das. Du wirst nicht kommen. Du wirst mich wieder zurücklassen, genauso wie mein geschundenes Herz. Nein, du wirst nicht kommen. Nicht abheben, wenn ich anrufe. Nicht antworten, nicht zurückschreiben.
 Du hast mir mein Herz gestohlen und ich hab es zugelassen. Habe diesen Fehler nicht als solchen erkannt! Vielleicht war genau das der Fehler… Du warst der Fehler.

Es dämmert bereits und ich stehe immer noch vor dem Café, an dem wir bereits vor zweieinhalb Stunden verabredet waren. Und ich warte und warte. Und während ich so warte, beginne ich an meinem Urteilungsvermögen zu zweifeln. Und an meiner Menschenkenntnis. Dass ich deine Maske nicht erkannte, dass ich dein wahres Gesicht erst sah, als es bereits zu spät war und mein Herz schon dir gehörte, kann ich einfach nicht fassen!

Hinter mir erlischt das Licht. Das Café schließt also. Ich starre durch das Fenster. Es ist leer. Es ist finster. Und ich zweifle und dennoch warte ich. Und wenn die Sonne ganz hinter dem Horizont verschwunden ist, werde ich gehen.

 

 

Es schneit nicht mehr. Irgendwie fand ich den sanften Schneefall sehr beruhigend, und doch bin ich froh über etwas klare Abendluft. Die Nacht ist dunkel, doch der Mond und die Laternen erhellen die Straßen. Ich atme kalte Luft ein und ein Dampfwölkchen bildet sich beim Ausatmen. 
Ich bin auf dem Weg nach Hause. Hinterlasse Spuren auf der bislang makellosen, von Schnee bedeckten Straße. Bald werden auch diese verschwunden sein, denn es ist noch mehr Schnee für heute Nacht angekündigt worden.

Der Himmel ist klar, ich kann die Sterne sehen. Sie sind schön.

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
Doch sie stirbt.

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