Abschied

Was für ein schönes Blau.
Was für ein wunderschönes Blau.
So klar. So hell. Wie der Himmel an einem perfekten Sommertag.
Unser Sommer war perfekt! Wir hatten vierzig solcher vollkommenen Tage, und jeden einzelnen verbrachten wir zusammen. Einen Menschen zu lieben ist ein Privileg. Einen anderen Menschen wie sich selbst zu kennen und seine Liebe jeden Tag aufs Neue zu spüren, ist ein Geschenk. Und diese vierzig Tage kamen mir vor wie ein wahr gewordener Traum.
Doch nun ist es Herbst und wir stehen hier und ich blicke in das wunderschöne Blau deiner gütigen Augen.
Und die erste Träne fällt.

Ich bemerke, dass das Strahlen aus deinen Augen verschwunden ist. Sie spiegeln nur meine Traurigkeit wider. Dein Blau wirkt kühl und trist, bekümmert – und dennoch bilde ich mir ein, ein wenig Sehnsucht darin erkennen zu können.
Ich will dich nicht so sehen! Ich will nur, dass du wieder glücklich bist – doch jetzt, in diesem Augenblick, bist du es nicht… Sind wir es nicht.
Aber ich kann die Wolken nicht einfach von unserem perfekten Sommertagshimmel schieben. Es wird nicht mehr lange dauern und der Himmel weint mit uns.
Sanft berührt deine Hand meine Wange, während die Finger deiner anderen fest mit den meinen verankert sind.
Und die zweite Träne fällt.

Lange haben wir nicht mehr Zeit. Du musst nun gehen, denn sie haben nach dir gerufen. Doch warum fällt es nur so schwer? Uns war doch von Beginn an klar, dass dieser Abschied unausweichlich ist. Du musst nun für dein Land dein Leben riskieren, für uns kämpfen – für uns alle.
Deine Uniform wirkt jedoch nicht heroisch, nein, sie stimmt mich traurig.
Du stehst vor mir, siehst mich an. Dein Blick ist unergründlich. Deine Hand hält noch immer meine fest und ich will sie nie wieder loslassen. Möchte dich nie wieder loslassen.
Und die dritte Träne fällt.

Du willst nicht, dass ich auf dich warte. Du sagst, es sei unsicher, dass du bald wieder hier neben mir im Bett liegst, während wir die Sonne betrachten, wie sie sich orange strahlend und mächtig aus dem sanften Blau der Wellen emporhebt. Du willst, dass ich mein Leben weiterlebe, so, wie es vor diesem Sommer war. Doch das kann ich nicht. Denn dieser Sommer war der Sommer meines Lebens und rein gar nichts wird je wieder so sein, wie es früher war. Denn damals warst du noch nicht in meinem Leben und mir wurde erst jetzt bewusst, dass mir bis zu diesem Sommer immer schon ein Teil gefehlt hat. Mein Glück war erst mit dir vollkommen – mit dir an meiner Seite…
Und ich werde warten! Werde hoffen! Denn ein Leben ohne dich will ich nicht führen. Ich werde jede Nacht dafür beten, dass du bald wieder heil neben mir im Bett liegst, mich im Arm hältst und wir gemeinsam den Sonnenaufgang beobachten. Dass wir wieder glücklich sind… Und ja, ich habe Angst! Angst, dass du aus dieser Hölle in der Wüste nie mehr zurückkehren könntest. Angst, dass es dich komplett verändert. Dass du mich nicht mehr lieben wirst. Wenn du zurückkommst, mich nicht mehr lieben kannst.
Ich lasse deine Hand los.
Und die vierte Träne fällt.

Du ziehst mich in deine Arme und ich schmiege mich an dich. Dein Herzschlag wirkt träge. Wahrscheinlich nur, weil mir diese letzten Sekunden mit dir wie Minuten vorkommen. Ich atme tief ein. Dein Geruch wird mir fehlen. Als du dich ein wenig von mir zurückziehst, spüre ich Panik in mir aufsteigen. Doch du umfasst mit deiner Hand mein Kinn und ziehst mich wieder an dich. Die Berührung deiner Lippen auf meinen zerreißt mir beinahe das Herz, denn ich weiß, dass diese Berührung unsere letzte sein könnte. Doch ich verdränge den Gedanken, versuche ihn zu verbannen, in der Hoffnung er würde nie wiederkommen und dennoch sticht und brennt es in meiner Brust!
Ich umschlinge dich fester und drücke mich an dich. Ich will dich nicht verlieren! Ich flüstere in dein Ohr, wie sehr ich dich liebe und suche ein letztes Mal Zuflucht in deinen Armen. Deine Brust an meiner Wange vibriert, als du mir deine Liebe gestehst. Einmal aufs Neue. Ich werde niemals genug davon bekommen. Von deinen „Ich liebe dich!“ Doch dieses könnte unser letztes sein.
Ich schließe die Augen, und genieße den Moment. Unsere Zukunft ist ungewiss, deswegen versuche ich alles, alle Eindrücke aufzusaugen und für immer in meinem Herzen einzuschließen.
Ich lasse meine Augen geschlossen. Ich will nicht sehen, wie du mich verlässt. Zurücklässt. Ich will dir ersparen, den Schmerz in meinen Augen zu sehen.
Und ich kann spüren, wie du dich von mir löst.
Kann spüren, wie Kälte sich in mir ausbreitet.
Kann spüren, wie mein Herz zerspringt!
Kann hören, wie ein Wagen wegfährt… wie dein Wagen wegfährt.
Und die fünfte Träne fällt.

Ich spüre den Wind. Langsam öffne ich meine Augen.
Du bist nicht mehr hier. Ich bin allein.
Und ich sagte dir nicht „Lebewohl!“
Nein! Sondern auf Wiedersehen!

Also, auf Wiedersehen, mein Liebster.
Auf Wiedersehen, mein Held.

Veröffentlicht in Prosa

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