„Blickwinkel“ – Katharina Wurzer

Blickwinkel

Bin ich noch frei, wenn ich mich an die Erwartungen anderer anpasse? Wenn ich mich nur deshalb mit jemandem gut stelle, um von dessen Einfluss zu profitieren? Mit einem aufgesetzten Lächeln, denn wer mag schon traurige Menschen?

Sarina sitzt in ihrem Schreibtischsessel, die Beine angezogen, die Hände um eine Teetasse gelegt. Ihr Blick schweift zu den Jugendlichen vor ihrem Fenster, zu Klatschmagazinen, nebeneinander liegenden Smartphones, Musikboxen und bunten Picknickdecken. Während Sarina zu Schulzeiten als graue Maus bezeichnet wurde, scheint sich hier einer nach dem anderen, eine nach der anderen ins Licht zu rücken. „Als mich Liam versetzt hat, hab‘ ich gleich drei andere Typen angeschrieben. Der braucht bloß nicht glauben, dass ich ewig auf ihn warte“, das Mädchen mit den braunen, glatten Haaren und dem weißen Sommerkleid zeigt zur Bestätigung ihr Social Media Profil, sofern Sarina das aus der Entfernung beurteilen kann. „Sie sind doch alle gleich, wenn sie glauben sie wären etwas Besonderes und damit unersetzbar“. Der Freund, ein hellhaariger Typ in Jeans, T-Shirt und Sneakers, nickt. Er erlebe es auch umgekehrt, dass Mädchen der Meinung seien, er würde ewig auf sie warten. Nicht auf Sex, das sei ja noch zu verstehen, wie er betont, sondern auf ein bloßes Treffen. Unter einer bestimmten Anzahl an Nachrichten gehe bei manchen gar nichts. Irgendwie könne sie das aber auch nachvollziehen, also nur wenn sie in einem gleich den Mann fürs Heiraten und Kinder kriegen sehen. Eine etwa gleichaltrige Rothaarige in dunkler Jeans und mit Glitzerschmuck lacht. Sie blickt auf ihr Handy, trinkt einen Schluck Club Mate und rückt auf die andere Seite der Decke.

Sarina überlegt, wie das bei ihr war, so ohne Smartphone, permanente Erreichbarkeit und Plattformen, die manchmal beständiger als Bekanntschaften wirken. Frei hat sie sich – autoritärer Eltern und Lehrer*innen sei Dank – zwar nicht gänzlich gefühlt, aber sie bezweifelt, dass sich das heute verbessert hat. Oder dass ihr das kurzfristige Absagen eines Treffens, das Wegklicken einer unangenehmen Nachricht sowie ein Mehr an Kommunikation zu Selbstbestimmung helfen. Manchmal sind ihr bereits ihre eigenen Erwartungen zu viel; die E-Mails, die sie vor dem Senden noch einmal überprüft; die Anrufe, vor denen sie sich ihre Anliegen aufschreibt. Und der kleine Notizblick, der überall hin mitmuss. Ohne Anliegen ruft Sarina gar nicht erst an, weder die beste Freundin noch den Kooperationspartner. Erwartungen, die sonst an sie gestellt werden, will sie gleich vorab die Luft nehmen. Sarina hasst Erwartungen nämlich. „Ich bin doch nicht dazu verpflichtet, jede Neuigkeit sofort mitzuteilen“, hat sie ihrer Mutter erst vor kurzem erklärt, da mit einem Kaffee in der Hand und einem Stück Kuchen in der anderen. „Pass‘ auf, dass dich deine scheinbare Freiheit nicht einsam macht“, hat sie jetzt noch im Ohr, als sie die vier Jugendlichen vor ihrem Fenster beobachtet.

Geschätzt halb so alte Menschen wie sie selbst, die fürs Selfie posieren und Kinder Schokobonbons verteilen. „Ich mag die immer noch, aber ich achte jetzt darauf, sie nicht aus Frust zu essen“, das Mädchen mit den schwarzen Haaren und der großen, runden Brille reflektiert sich also, gemeinsam mit ihrem Ärger über ungerechte Lehrkräfte und schwer erreichbare Freund*innen: „Gestern war Mona glatt ihr Date wichtiger als ich. Meine kurze Nachfrage zur Aufgabe hat sie nicht einmal gelesen“. „Leicht macht es einem niemand. Aber man kann sich aussuchen, wer es einem schwer machen darf, und wer dann halt aussortiert wird. Ist quasi eine Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt“. Der Junge nimmt sich ein Bonbon, streckt seine Beine aus und wartet auf die Reaktion der anderen. „Ja, wir haben die Freiheit das entscheiden zu können. Wen wir treffen und wen nicht, mit wem wir einmal knutschen, mit wem mehrmals und mit wem aus Liebe oder nur aus Protest“, die Braunhaarige fühlt sich bestätigt und erklärt, das ab sofort den besonders hartnäckigen Kerlen zu schreiben. „Einer hat mal versucht, mich mit der Übernahme meiner Rechnung zu locken, nachdem ich bereits abgesagt hatte“.

Ein bisschen schräg ist das schon, gibt ihr Sarina Recht. Aber jemanden bloß aus Protest küssen, was soll das für einen Sinn haben und ist das nicht unfair gegenüber der Person? „Du machst dir zu viele Gedanken. Genieß‘ doch einfach mal den Moment und sei nicht traurig, wenn er wieder vorbei ist“, wurde ihr in der Arbeit geraten. Sarina hat kein Problem mit ihren Arbeitskolleg*innen, nur eines damit, dass sie sich nicht einig sind, wer das letzte Wort haben darf, was als Einschränkung empfunden wird und was sie kollektiv alles von oben akzeptieren können. Vielleicht hätte es Sarina sogar einfacher, wenn sie sich weniger Gedanken machen würde. Aber wer würde sich dann um ihre Ideen annehmen, um all die individuellen Assoziationen und sprunghaften Übergänge? Oder wäre es besser eine Stimme weniger zu haben? Inwieweit muss es eigentlich gedankliche Überschneidungen geben und liegen tatsächlich mehrere Milliarden unterschiedliche Arten zu denken vor? Unendlich viele Wege sich im System frei zu fühlen ohne es komplett abzulehnen?

Sarina gießt erneut Tee auf, eine Kräutermischung mit Lavendel und Hibiskus, frisch und im Geschmack nicht aufdringlich. So wie sie Menschen gerne hätte, mit eigenen innovativen Ideen, die den Staub alter Ansichten wegwischen. Die den Frühlingsputz nicht nur auf ihre Wohnung oder gar ihr Haus beziehen, sondern auch mal auf ihr Umfeld oder Tätigkeiten, auf abgestumpfte Routinen, bei denen kein Spitzer mehr hilft. Bleienden, die graue Striche zeichnen und sich auf Papier einprägen. Wenn es nur das Papier wäre.

„Ich hab‘ dir gesagt, dass er sich nicht ändert. Entweder du brichst den Kontakt ab oder ich will nichts mehr davon hören“. „Und wieso warst du nicht bei der Feier? Du hast uns im Stich gelassen. Wenn du nächste Woche nicht ins Kino mitkommst, interessiert mich unsere Freundschaft bald nicht mehr“. Die Jugendlichen haben zu diskutieren begonnen. Die Braunhaarige sieht nach wie vor auf ihr Smartphone, die Rothaarige legt ein Magazin zur Seite, der Blonde – sichtlich nervös – spielt mit seiner Armbanduhr, die Schwarzhaarige scheint sich auf ihren Abgang vorzubereiten. Mit theatralischer Dramatik, während sich das Drama auf ganz anderen Ebenen abspielt, zu viele Zuschauer*innen und zu wenige Akteur*innen hat.

Vielleicht sind es vor allem Menschen, die sich gegenseitig am Freisein hindern, mit ausgeübten Zwängen und auferlegten Pflichten, deren Nichtbeachtung mindestens gesellschaftliche Verachtung zur Folge hat. Der man sich auch als alternativ denkender Mensch nicht entziehen kann, sofern man Rollen und Funktionen ausfüllt. Sarina wird heute jedenfalls kein funktionsfähiges Mitglied der Gesellschaft sein. Sie freut sich auf den Steppenwolf und ein heißes Schaumbad. Darauf, dass sie sich vor niemandem rechtfertigen muss, wie sie ihre Zeit verbringt; darauf, dass sie dabei nicht beobachtet wird und nicht zwanghaft fröhlich sein muss. Vielleicht ist Freiheit ein individuelles Empfinden, das sich nicht primär an bestimmten Plätzen zeigt.

 

Katharina Wurzer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s